Interview mit Philipp Möller, Pressesprecher von buskampagne.de, der säkularen Werbekampagne in Deutschland

Wie ist die Idee zur säkularen Werbekampagne entstanden?

Entstanden ist die Idee aus dem Engagement einiger Privatpersonen, die sich unter anderem über die Plattform der Brights kennengelernt haben. Die Buskampagne aus Großbritannien war dabei der ein wichtiger Impulsgeber; ausschlaggebend für die Realisierung der Kampagne war und ist aber vor allem unser persönlicher Einsatz.

Seid ihr ein ‘Ableger’, oder betrachtet ihr euch als eigenständige Initiative? Stimmt ihr eure Ergebnisse mit London ab?

Wir haben mit Ariane Sherine, die die Kampagne in Großbritannien gestartet hat, inhaltlich abgestimmt, dass wir ebenfalls keine anti?religiöse sondern eine pro?atheistische Kampagne sind. Für den Wiedererkennungswert verwenden wir das gleiche Layout. Ansonsten arbeiten wir auf eigene Faust.

Worin unterscheiden sich die englische und die deutsche Kampagne?

Die englische Kampagne war spontan und ein bisschen „unschuldig“, weil der Erfolg so überraschend war. Darin lag ihr besonderer Charme. Wir dagegen haben die Berichterstattung gesehen und mussten von dort aus weiter denken: „Was ist der zweite Schritt? Was wollen wir genau sagen?“ Insofern wirkt unsere Kampagne vielleicht etwas „verkopfter“, etwas gründlicher.

Seid ihr überzeugte Atheisten oder eher überzeugte Designer, die eine Chance auf mediale Aufmerksamkeit nicht ungenutzt an sich vorübergehen lassen wollen?

Uns geht es ganz klar um die Inhalte; einige von uns sind Atheisten, andere Agnostiker und wieder anderen ist Gott schlicht egal – ob es ihn nun gibt oder nicht. Unsere Motive sind Vernunft, soziales Verantwortungsgefühl und der Wunsch, zur Entstigmatisierung des Begriffs „Atheist“ beizutragen. Wir wollen unsere berechtigten Zweifel und unser Desinteresse an der Behauptung eines Gottes äußern können, ohne dabei angeschaut zu werden, als hätten wir einer alten Dame die Handtasche geklaut. Mit dem Projekt verdienen wir kein Geld sondern tragen unseren ganz persönlichen Teil zum unvollendeten Projekt der Aufklärung bei.

Was ist euer Ziel? Dass sich Atheisten als einer Gemeinschaft zugehörig fühlen?

Ja, unter anderem. Unser Ziel ist es, die folgenden Kernaussagen zu kommunizieren:

(1) In Deutschland leben über 30% konfessionslose Menschen – hier sind wir! Wir sind weder besser noch schlechter als gläubige Menschen. Als aufgeklärte Menschen verzichten wir aber in unserem Verständnis der Welt auf jegliche übernatürliche Erklärungsansätze. Wir konzentrieren uns daher auf unser Leben und das unserer Mitmenschen, da wir ein Leben nach dem Tod für extrem unwahrscheinlich halten. Wir möchten kommunizieren, dass ein Leben ohne den Glauben an einen Gott eine Bereicherung sein kann: angstfrei, selbstbestimmt, bewusst, tolerant und frei von Diskriminierungen.

(2) Ethik und Moral wurden von Menschen für Menschen entwickelt! Im Laufe der Geschichte der Menschheit wurden diese ständig weiterentwickelt, den Gegebenheiten angepasst werden und mussten vielfach gegen die Vertreter der der Religion verteidigt werden ? die diese Errungenschaften heute gern als „religiöse Werte“ proklamieren. Wir ärgern uns also über die Behauptung, ohne die Illusion eines Gottes gäbe es bspw. keine Nächstenliebe, und möchten darauf hinweisen, dass gerade durch den totalitären Wahrheitsanspruch unzähliger religiöser Splittergruppen Konflikte entstehen, deren Auswirkungen den Grundsätzen der vermeintlich gottgegebenen Moral aufs heftigste widersprechen.

(3) Religion ist keine Entschuldigung! Wir sprechen uns gegen ein gut gemeintes aber falsches Verständnis des Begriffs Toleranz aus, das allen alles erlaubt so lange es unter dem Deckmantel der Religion geschieht. Vor dem Gesetz ist jeder Mensch gleich und juristische Entscheidungen müssen nach wie vor immer aus einer säkularen Perspektive getroffen werden. Damit dies so bleibt, setzen wir uns für eine klare Trennung von Staat und Religion ein – daher auch der Name unserer Kampagne „Säkulare Werbekampagne“.

Geht es euch um Toleranz? Findet ihr die Kirche tolerant?

Sicherlich geht es auch um Toleranz. „Die Kirche“ möchte ich als Begriff allerdings so nicht stehen lassen. Es gibt hier ganz offensichtlich riesige Unterschiede und ich denke das war auch schon vor Williamson klar. Wir schätzen die Gemeindearbeit der Kirchen sehr, möchten aber darauf aufmerksam machen, dass diese Arbeit eben nur einen Teil der Religion ausmacht. Echte Toleranz und Verständnis gegenüber Nichtgläubigen halten wir unter religiösen Menschen trotz allem immer noch für ein eher seltenes Phänomen. Auch vereinzelte religiöse Einstellungen zu Themen wie Sexualität, Gleichberechtigung von Mann und Frau oder Meinungsfreiheit lassen sich mit den Grundrechten unserer Gesellschaft nicht vereinbaren – und das können wir als Befürworter der Toleranz und einer freien, offenen Gesellschaft nicht akzeptieren.

Habt ihr eine Haltung zur ProReli?Debatte in Berlin? Welche?

Tendenziell kann man unsere Haltung dazu den Zielen unserer Kampagne entnehmen. Sicherlich hat jeder von uns auch seine eigene ganz persönliche Meinung zur Ethik?Reli?Debatte. Die Kampagne ist allerdings angedacht, zeitlos und überregional zu sein. Daher halten wir uns aus dem politischen Tagesgeschäft eher raus – auch wenn uns dies schwerfällt. Die bessere Adresse zu diesem Thema lautet: Pro?Ethik.

Seid ihr missionarisch unterwegs? Wollt ihr Christen vom Pfad des Glaubens abbringen und zum Nicht?Glauben bekehren?

Nein, wir sind keine Missionare und wollen niemanden bekehren. Wir wollen vielmehr dazu anregen, zu fragen statt zu glauben, und Gläubige, bei denen von der Religion nichts mehr übrig ist, außer ein guter Mensch zu sein, fragen: „Woran glaubst Du noch? An die die Geburt Jesu durch eine Jungfrau? An Adam und Eva? An das Paradies und die Hölle? An die Arche Noah? Wenn nein, wozu bezeichnest Du Dich dann noch als Christ? Ein guter Mensch kannst Du auch so sein.“ Wir wollen niemandem vom Glauben abbringen, wollen aber darauf hinweisen, dass es sich bei religiösem Glauben um ein durch Sozialisation, also durch ganz irdische Menschen übergestülptes Überzeugungssystem handelt, das auf inzwischen nachweislich falschen Grundannahmen beruht und ganz offensichtlich der Erhaltung der Macht einiger Weniger dient. Streng Gläubigen gegenüber wollen wir dafür werben, sich in erster Linie als Mensch statt als Christ, Moslem, Jude oder Anhänger einer anderen Religion zu verstehen und unsere Aussagen nicht als persönlichen Angriff sondern als sachliche Kritik an einem gesellschaftlichen Phänomen zu deuten.

Die Aussage, die bei euch in Klammern steht („mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“), ist nicht wahrhaft atheistisch, ansonsten würde es ja einfach heißen: Es gibt keinen Gott. Warum so soft?

Nein, die Aussage ist wahrhaft zweifelhaft und damit typisch wissenschaftlich. Im Gegensatz dazu sind radikal atheistische oder dogmatisch religiöse Aussagen schlicht unseriös und damit leicht angreifbar. In den Religionen werden außerdem Aussagen metaphysischer Art getroffen, die sich zwar nicht belegen, aber eben auch nicht widerlegen lassen. Deshalb sprechen wir von „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ ? ein Restrisiko bleibt schließlich immer. Wir bleiben so „soft“ weil wir erstens keine fruchtlose „Gibt es Gott oder nicht?“?Debatte führen wollen (die „Beweislast“ läge da ohnehin bei denen, die Götter proklamieren) und wir zweitens klarmachen wollen: Seid euch nicht zu sicher, guckt euch die Fakten an und bleibt skeptisch wenn euch jemand etwas erzählt. Die religiöse Gegenkampagne in Großbritannien wirbt ja mit dem Spruch: „Es gibt definitiv einen Gott!“. Auf genau dieses argumentativ sehr dünne Eis werden wir uns nicht bewegen.

Wie geht’s weiter? Wann seid ihr online? Wie wollt ihr das Geld zusammenkriegen? Wie viel kostet es, einen Bus zu bedrucken? Wie viele Busse wollt ihr bedrucken? Habt ihr Kontakt mit der BVG, ob die ihre Busse mit eurer Botschaft durch die Gegend fahren lassen wollen?

www.buskampagne.de wird ab 9. März online sein. Das Geld sammeln wir über Spenden und bieten jedem Spender den zusätzlichen Anreiz, für einen der drei zur Wahl stehenden Slogans zu stimmen. Wir wollen zunächst in Köln, München und Berlin werben und brauchen dafür 19.500 €. Mit den Verkehrsunternehmen stehen wir bereits in Kontakt; von deren Seite gibt es keinerlei Bedenken.

Habt ihr auch Kontakt zu den Atheismus Kampagnen in anderen Ländern als GB? Wünscht ihr euch eine weltweite Aktion?

Es gibt ja die Kampagne auch schon in Spanien, Italien, Kanada, den USA und in Australien. Mit der Schweizer Kampagne stehen wir in Kontakt und freuen uns, wenn noch andere Länder auf auf diesen Zug bzw. den Bus aufspringen. Die Priorität liegt aber bei uns in der deutschlandweiten Arbeit.

© www.buskampagne.de


Philipp Möller ist unter 0178 169 6778 und presse {at} buskampagne(.)de zu erreichen.


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